Angst vor einer Diagnose?

Antwort auf eine Mail


Hallo ihr Lieben

Ich möchte mich für eure guten Wünsche ganz lieb bedanken. Ihr werdet mich bestimmt jetzt alle für total durchgeknallt halten, doch ich muss es einfach los werden. Also, irgendwie rückt mir die Diagnose unserer beiden "Rabauken" immer näher, ich wollte es ja so schnell wie möglich und will es immer noch. Doch auf der anderen Seite ist da so ein Gefühl, das ich nicht erklären kann. Das P. ein FAS/FAE Kind sein könnte, ist mir schon klar, obwohl er sich super entwickelt zur Zeit. Beim A. hätte ich immer sofort NEIN gesagt, das kann nicht sein, obwohl mir die Kindesmutter selber gesagt hat, dass sie Alkohol, LSD und Nikotin während der Schwangerschaft zu sich genommen hat. Jetzt ist A. fünf, er kann den Stift immer noch nicht richtig halten und mit Mühe und Not bis fünf zählen. Dann sag ich mir andere Kinder haben bestimmt auch noch Schwierigkeiten (rosarote Brille, ich weiß).

Wenn ich jetzt in Berlin die Diagnose bekommen sollte, dass beide FAE haben, das ist so endgültig.

Schiet ich kann’s nicht richtig rüberbringen, was ich meine und fühle.


Liebe T.

Habt keine Angst vor der Diagnose FAS oder FAE. Es nicht endgültig, es ist für Euch und Eure Kinder eine große Chance, späteren sekundären Behinderungen vorzubeugen. Eine Diagnose ist keine Abstemplung sondern der Grund, warum die Kinder sich so verhalten, wie sie es tun.

Ich denke an viele Eltern hier, die verzweifelt gesucht haben nach Gründen, warum die Kinder so sind wie sie sind. Die Kinder waren überfordert und Eltern und Lehrer dachten, das Kind sei faul, bockig usw. Es geht einfacher, wenn man es genau weiß.

Du kannst Dich auch später dann viel besser wehren, wenn jemand (SA; Nachbarn/Lehrer, wie auch immer) versucht, Dir die Schuld dafür zu geben, dass z.B. das Kind kein Mathe kann, weil DU dem Kind nicht genügend hilfst. Klar, die Erwartungen werden runter geschraubt werden müssen, was aber nicht heißt, dass die Kinder nicht lernfähig sind, sondern nur anders sind und langsamer lernen.

S. ist gestern nach Hause gekommen mit einem neuen Mathebuch (schon wieder). Sie war ein wenig traurig, weil sie es schon mal hatte - in der 3. Klasse. Die Lehrerin meinte, dass das Grundwissen fehlt (als ob ich das nicht wüsste :-)). Die Aufgaben, die sie machen sollte, waren folgendermaßen in dem Buch aufgeschrieben 7= 4+ ?. Das hat sie völlig verwirrt, wenn es andersrum geschrieben wäre, hätte sie die Aufgabe lösen können (nach einer kurzen Anleitung). So haben wir fast eine Stunde gesessen, bis sie verstanden hat, was sie damit anfangen soll. Das Problem ist, ich weiß genau, dass wenn sie heute zur Schule geht, wird sie die Formel vergessen haben. Wenn ich von FAS/E nichts wüsste, hätte es sein können, dass ich sie ausgeschimpft hätte, nachdem wir so lange Zeit geübt hatten. Denn man denkt "das kann nicht wahr sein, sie konnte es gerade - und nun wieder nicht!".

Stell Dir mal vor, wie es für ein Kind ist, immer aufgefordert zu sein, etwas zu machen, was es nicht kann, dauernd das Gefühl zu haben, als Versager da zu stehen? So kannst Du hoffentlich etwas finden (wie Reiten bei S.), was deine Kinder können und was Spaß macht, wo sie wenigstens mal das Gefühl haben, erfolgreich zu sein.

Dass Du aber ein wenig traurig darüber bist, kann ich aber auch gut nachvollziehen, man hat solche Hoffnung für die Kinder und denkt oft, dass man mit Liebe alles hinzubekommen kann. Es wirkt wie ein Schlag ins Gesicht, wenn man es wahrhaben muss, dass "mein" Kind es immer schwer haben wird. Und ich weiß, wie sehr es weh tut und was für Zukunftsängste dieses Wissen mit sich bringt.

Die Zukunft unserer Kinder ist ihnen im Mutterleib geraubt worden. Wir können unsere Kinder nur so gut wie es geht auf die praktischen Dinge im Leben vorbereiten, auch wenn das nur heißt, dass sie sich daran gewöhnen, täglich die Unterwäsche zu wechseln, Zähne zu putzen usw. S. wird keinen Schulabschluss bekommen, nie eine Lehre machen können, nie die Freiheit haben, die meine leibliche Kinder genießen können. Aber sie wird immer wissen, dass es Menschen um sie gibt, die sie sehr lieben und ihr helfen werden, ihren Weg zu gehen. Mehr können wir für sie nicht tun. Ich kann ihre Hirnschäden nicht rückgängig machen, aber ihr helfen, das Beste daraus zu machen. Das werde ich bis zum Lebensende versuchen!

LG A.