Interview mit einer Pflegemutter

"Baby" Zeitschrift 2001

Gift fürs ungeborene Kind

Würden Sie Ihrem Baby Bier ins Fläschchen tun? Im Leben nicht. Aber etwas Ähnliches passiert, wenn Sie in der Schwangerschaft Alkohol trinken. Denn Alkohol ist der wichtigste Auslöser von Behinderungen beim Kind. Sie reichen von leichten Intelligenzdefiziten bis zu regelrechten Missbildungen. BABY besuchte die Pflegemutter eines alkoholgeschädigten Kindes.

Lisa kam mit nur 1600 Gramm Gewicht zur Welt, einem zu kleinen Gehirn, Gaumenspalten und einem Loch in der Herzwand. Ihre ersten vier Monate verbrachte sie in der Klinik, wurde mehrfach operiert. Danach gab sie das Jugendamt in eine Pflegefamilie, denn Lisas leibliche Mutter ist krank. Alkoholkrank, was sie nicht wahrhaben wollte. Täglich trank sie ihre Ration Schnaps und Bier. Lisa wurde im Mutterleib förmlich in Alkohol gebadet. Nun ist sie auf der Welt, leidet als Baby unter Entzugs-erscheinungen. "Die ersten sechs Monate waren die Hölle" Berichtet Marlis G., die Pflegemutter. "Kein Schlaf. 20 Stunden am Tag ein schreiendes Kind, das nichts essen will." Marlis G versorgt ihr Pflegekind wie ihr eigenes, nachdem ihre drei Kinder aus dem Haus sind. Es ist ein Knochenjob. Lisa hinkt der normalen körperlichen und geistigen Entwicklung hinterher. Ohne Chance, sie jemals aufzuholen. Sie ist minderwüchsig, lernbehindert, wahrnehmungsgestört, ängstlich, in jeder Hinsicht schwieriger als Gleichaltrige. "Ihr Kopfumfang blieb der eines einjährigen Kind. Sie hat erst mit 20 Monaten Laufen gelernt. Mit drei Jahren fing sie an, einige Worte zu sprechen.." Tragik ja, Schicksal nein: Lisas Behinderung war absolut vermeidbar. Sie leidet unter dem fetalen Alkohol-Syndrom (FAS, Alkoholembryopathie). Die Schädigung entsteht einzig und allein durch übermäßigen und dauerhaften Alkoholgenuß der Mutter während der Schwangerschaft.

Alkohol ist Gift für die Entwicklung. Wie geht das vor sich? "Alkohol ist ein Zellgift", erläutert Prof. H Löser von der Universität Münster. Löser ist Kinderarzt und Spezialist auf dem Gebiet der Alkoholeffekte. "Wegen seiner guten Lösungseigenschaften verteilt sich Alkohol im Körper sehr schnell und gleichmäßig. Die Blut-Hirn-Schranke überwindet er spielend, ebenso den Mutterkuchen (Plazenta). Das bedeutet, dass der Fetus weitgehend die gleiche Blutalkoholkonzentration hat wie die Mutter." Was passiert dadurch? "Alkohol wirkt giftig auf alle Körperzellen. Diese können sich nicht normal entwickeln und vermehren, so dass sich Organsysteme und Gewebe mangelhaft oder fehlerhaft ausbilden." Daraus erklärt sich auch, dass im Prinzip alle Organe des wachsenden Kindes durch Alkohol geschädigt werden können. Die Gefahr ist am größten beim Trinken in der frühen Schwangerschaft. In den ersten acht Wochen, der Embryonalperiode, werden Herz, Gehirn, Arme, Beine, Augen, Ohren und weitere Organe angelegt. So zeigen sich die typischen Missbildungen beim fetalen Alkoholsyndrom als Kleinwuchs, Untergewicht, Kleinköpfigkeit, mangelhafte Muskelentwicklung, typische Gesichtsveränderungen, geistige Entwicklungsverzögerung und Verhaltensstörungen. Heute ist Lisa 12 Jahre alt und sieht aus wie acht oder neun. Sie ist in der fünften Klasse, Sonderschule, kann kaum lesen und schreiben. "Zahlen, Zeitbegriffe, Geld - alles Fremdsprache für sie", erzählt Marlis G. "Wir waren glücklich, als sie mit zehn Jahren sagen konnte, dass da fünf Finger sind, wenn ich eine Hand hoch halte." Mitschüler hänseln sie wegen ihres Gesichtes und ihrer schweren Sprachfehler. Sie leidet darunter, hat sich zurückgezogen, geht immer mit gebeugtem Kopf. "Emotionell ist sie auf dem Stand einer Fünf- bis Sechsjährigen. Am schlimmsten ist: Sie weiß, dass sie nicht normal ist. Sie hat uns einmal gefragt: ‚Warum bin ich so auf die Welt gekommen, warum bin ich nicht wie die anderen Kinder?' Anzusehen, wie sie täglich mit FAS kämpft, bricht einem fast das Herz."

Fetale Alkoholeffekte: eine Geburt von 250: Etwa 2200 Kinder werden jährlich allein in Deutschland mit fetalem Alkoholsyndrom geboren. Auf 10-15.000 pro Jahr wird offiziell die Zahl der Kinder geschätzt, die ohne körperliche Fehlbildung, aber mit geistigen Defiziten durch Alkoholschäden zur Welt kommen. Die Dunkelziffer ist hoch, denn viele Fehlentwicklungen verlaufen relativ diskret. Manche Kinder bekommen das Etikett hyperaktiv und aufmerksamkeitsgestört. "Leichte Alkoholschäden beim Kind werden oft nicht als solche erkannt", weiß Prof. Löser. "Die Veränderungen können so gering sein, dass ein Laie anfangs einen Unterschied zum gesunden Kind nicht bemerkt. Wir sprechen dann von fetalen Alkoholeffekten, im Gegensatz zum voll ausgeprägten FAS." Der Schädigungsgrad beim Kind hängt im wesentlichen vom Ausmaß des Alkoholmissbrauchs bei der Mutter ab. Der reicht vom Gelegenheits-trinken bis hin zu schwerer Alkoholabhängigkeit. Dementsprechend gibt es leichte, mittlere und hohe Schweregrade - Grad I bis III) der Alkoholschäden beim Kind. Sie zeigen fließende Übergänge. Bei vielen Kindern ist die körperliche und geistige Entwicklung im gleichen Umfang verzögert. Bei anderen überwiegen Hirnleistungsschwächen oder Verhaltensstörungen, aber körperlich ist ihnen nichts anzumerken.

Einen sicheren Grenzwert gibt es nicht. Die Gretchenfrage: Ab wann ist Alkohol in der Schwangerschaft schädlich fürs Kind? Darf eine werdende Mutter überhaupt nichts trinken? Prof. Löser: "Es lässt sich keine für den Embryo sichere, unbedenkliche Menge angeben. Also kein Grenzwert, den man einhalten könnte, unterhalb dessen kein Schaden beim Kind zu befürchten ist." Früher nahm man an, dass eine Alkoholschädigung des Kindes nur bei "Alkoholikerinnen" auftritt. Heute weiß man es besser. Langzeituntersuchungen haben gezeigt, dass auch bei dem gesellschaftlich völlig akzeptierten "geselligen Trinken" in manchen Fällen Alkoholschäden beim Kind entstehen. Statistisch können schon nach regelmäßigem Konsum von täglich 15 Gramm reinem Alkohol (ein großes Glas Bier oder ein kleines Glas Wein) Alkoholeffekte beim Kind erfasst werden. Gerade zu Beginn der Schwangerschaft gilt der gelegentliche, aber exzessive Alkoholgenuss als bedenklich. "Zwar ist ein gelegentliches Gläschen kein Grund zur Panik," resümiert Prof. Löser. "Aber wer ganz sicher gehen will, sollte alkoholische Getränke in der Schwangerschaft ganz meiden."

Bedenklich: Das Es-wird-schon-nichts-passieren-Syndrom. Wichtig ist, mit dem Alkohol-Stopp nicht zu warten, bis die Schwangerschaft definitiv feststeht. Jeder Frau, die ein Kind plant, ist zu raten, nicht den letzten positiven Test abzuwarten, bevor sie aufhört zu trinken. Bis dahin gehen häufiger sechs Wochen ins Land. In den ersten acht Wochen werden aber schon embryonale Organe angelegt. "Keine Frau schadet Ihrem Kind mit Absicht, auch Alkoholikerinnen nicht," sagt Marlis G., die über die Jahre mit Lisa zur FAS-Expertin geworden ist. "Aber das Unwissen ist ein großes Problem. Viele Frauen haben das Mir-wird-schon-nichts-passieren-Syndrom und trinken Alkohol. Sie sollten wissen, dass ihr Baby mittrinkt und nicht nein sagen kann. Keine würde als Mutter Bier in die Babyflasche tun, das wäre schockierend. Aber sie trinken als Schwangere, und das Ergebnis ist das gleiche."

Zwei Kästen zur Auswahl -  Alkohol lähmt -die körperliche Entwicklung, messbar an Gewicht, Länge, Kopfumfang, Knochen- und Zahnentwicklung, -die motorischen und statischen Fähigkeiten, wie zum Beispiel Laufen, Greifen und Geschicklichkeit; auch andere Einzelfähigkeiten wie Trinken, Essen, Stuhlgang, Sprechen, -die geistige, auf die Intelligenz bezogene Entwicklung, -die seelische und gefühlsbezogene Entwicklung (Ausgeglichenheit, Stimmungen, Lachen, Weinen), -die soziale Entwicklung und das Verhalten, die Fähigkeit also, sich im Verbund der Gemeinschaft der Mitmenschen eingliedern und wohlfühlen zu können.


Was Sie tun sollten: 1. Reduzieren Sie schon ab Ihrer Entscheidung für ein Kind Ihren Alkoholkonsum. 2. Verzichten Sie am besten während der gesamten Schwangerschaft auf alkoholische Getränke. 3. Bitten Sie Ihre Familie, Freunde und Bekannte, Sie beim Alkoholverzicht zu unterstützen. 4. Lassen Sie sich von niemandem einreden, "ein Gläschen könne doch nicht schaden" usw. 5. Sprechen Sie auch mit Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt über Alkohol in Schwangerschaft und Stilllzeit. So können Sie sich individuell beraten lassen.