Zum Problem der "abortiven" Alkoholembryopathie
H.L.Spohr und G. Stoltenberg-Didinger
Kinderklinik des DRK-Rittenbergkrankenhaus
und Institut für Neuropathologie,
Freie Universität Berlin
Zusammenfassung
Im Gegensatz zu dem bek
Zum Problem der unvollständigen Alkoholembryopathie
Das erstmals von Lemoine et al. klinisch beschriebene
und 1973 durch Jones und Smith als "fetal alcohol
syndrom" weltweit bek
So wenig an der Existenz der Alkoholembryopathie (AE)
trotz einer syndrom-bedingten Vielfalt charakteristischer und teilweise
unspezifischer Symptome Zweifel bestehen, so unklar bleiben wesentliche Fragen
zur Pathogenese, zur Prognose und Häufigkeit des
Krankheitsbildes.
Ein schwieriges Problem im "Akzeptieren" des Syndroms liegt in der
Tatsache, dass bei der in der Literatur bisher angegebenen relativen Häufigkeit
von 2-3 Fällen pro 1000 Neugeborenen der praktisch tätige Pädiater und
besonders der Geburtshelfer in der Regel die AE selten sieht und
diagnostiziert.
In der schon heute kaum noch zu überblickenden Literatur zu diesem Syndrom
wurden zunächst in Einzelkasuistiken, später in systematischen Untersuchungen
überwiegend nur eindeutig erkennbare Fälle alkoholgeschädigter Kinder
publiziert und vor allem abgebildet; leichte Formen waren zumeist nur erwähnt
und vage beschrieben.
Die ausgeprägte Alkoholembryopathie mit der
charakteristischen kranofazialen Dysmorphie
erscheint jedoch nach eigenen Untersuchungen ein eher selteneres Krankheitsbild
zu sein, als die Literaturangaben vermuten lassen. Eine Häufigkeit von 1/1000
Neugeborenen ist wahrscheinlich realistischer als die bisher angegebenen
Zahlen.
Eigene Untersuchungen und Diskussionen
In einer zwischen 1977-1979 durchgeführten retrospektiven, ausschließlich auf
Westberlin beschränkten Studie fanden wir bei 71 Patienten nur 16 Kinder (22%)
mit einem schwer ausgeprägten Syndrom. Fast die Hälfte der untersuchten Kinder
entsprachen dem klinischen Bild einer leichten, abortiven AE.
Nach Schätzung der in der Literatur angegebenen sorgfältigen, prospektiven,
jedoch nicht sehr umfangreichen Untersuchungen zur Epidemiologie der AE in
Schweden und Frankreich müssten in Berlin bei jährlich etwa 16000 Geburten in
den letzen 10 Jahren 400-500 Kinder mit einer AE geboren worden sein, davon
150-200 Patienten mit dem Vollbild des Syndroms.
Dass trotz intensiver Nachforschung über 3 Jahre in der Großstadt Westberlin
mit einem relativ engen Netz der sozialer Betreuung retrospektiv ein nur
vergleichsweise geringer Anteil betroffener Kinder erfasst werden konnte, ist
überraschend. Es ist anzunehmen, dass die große Dunkelziffer zwischen
diagnostizierten und vermuteten Erkrankungen im wesentlichen
zu Lasten der abortiven Alkoholembryopathie geht, die
in der Regel unentdeckt bleiben.
Klinik der abortiven Alkoholembryopathie
Die Gruppe der durch chronischen mütterlichen Alkohollabusus leicht
geschädigten Kinder macht offenbar das Gros aller Alkoholembryopathien
aus und stellt die eigentliche ärztliche Herausforderung dar, weil diese Kinder
zu rasch als konstitutionell minderwüchsig, milieugeschädigt, familiär
minderbegabt oder als hyperaktiv und psychisch gestört abgetan werden und die
Möglichkeit einer exogenen, pränatalen Ursache nicht erwogen wird.
Die Diagnose ist schwierig, der Übergang von der abortiven AE zum Normalen
fließend.
Bei fehlender typischer kraniofazialer Dysmorphie und dem Fehlen weiterer assoziierter
Fehlbildungen führen folgende klinische Symptome zur Verdachtsdiagnose einer
möglichen Alkoholschädigung: Prä-/postnatale Dystrophie und Mikrocephalie;
leichte statomotorische und mentale
Entwicklungsverzögerung; ausgeprägte Hyperaktivität und psychische Verhaltensauffälligkeiten.
Die betroffenen Kinder werden dem Arzt in den meisten Fällen erst im Kleinkind-
oder Vorschulalter wegen Untergewichtigkeit und Essstörungen,
Erziehungsschwierigkeiten, Unruhe und nicht altersgemäßer geistiger Entwicklung
vorgestellt. In der Regel sind es besorgte Pflege- und Adoptiveltern oder
Heimbetreuer, die trotz intensiver, oft jahrelange Erziehungsarbeit mit den
Kindern nicht zufrieden sind; seltener kommen der Vater oder die Großeltern der
Patienten, weil ihnen die geringe Größe und die nicht altersgemäße Entwicklung
auffällt.
Die Sicherung der Diagnose stützt sich ausschließlich auf die positive
mütterliche Alkoholanamnese. Dies bleibt aber das eigentliche große
diagnostische Problem. Bei etwa der Hälfte der von uns erfassten Kinder war der
Aufenthalt der Mutter unbek
Nur in behutsamen, indirekten und mit großer Geduld geführten Gesprächen k
Vergleichende tierexperimentelle Befunde
Die angeführten Symptome zur Verdachtsdiagnose einer abortiven AE sind in ihrer
Zuordnung naturgemäß unspezifisch, jedoch bleibt bisher bei der unklaren Pathogenese und fehlender biochemischer oder genetischer Parameter
nur die Bewertung des klinischen Bildes.
Gegen den Vorwurf, dass zu willkürlich als auffällig eingestufte Kinder einem
fragwürdigen Syndrom zugeordnet werden, sprechen neben der wachsenden
klinischen Erfahrung auch tierexperimentelle Befunde.
So konnte schon 1975 Chernoff in tierexperimentellen
Versuchen an der Maus zahlreiche Symptome der AE, besonders Zeichen der kraniofazialen Dysmorphie, nachweisen.
Auch in Tierversuchen an der Ratte, die keine spezifischen, alkoholbedingten Dysmorphiezeichen und Fehlbildung aufweist, können Wachstumsveränderungen,
die den angegebenen Symptome der abortiven AE
entsprechen, belegt werden.
In eigenen tierexperimentellen Untersuchungen an jungen Nachkommen alkoholbehandelter
Wistar-Ratten ließ sich eine signifikante,
postnatale, dosisabhängige Dystrophie der Versuchstiere im Vergleich zur
Kontrollgruppe nachweisen. Ebenso war das Hirnwachstum der behandelten
Nachkommen deutlich geringer als das der Kontrolltiere.
Insbesondere lies sich nachweisen, dass das Hirngewicht der Rattenjungen am 1.
postnatalen Tag, absolut gesehen und bezogen auf das ebenfalls kleinere
Körpergewicht, niedriger als das der Vergleichsgruppe war. Dieser Befund war
hochsignifikant und belegt die pränatale, selektive teratotoxische
Wirkung des Äthanols auf das Hirnwachstum. In einem zwischen dem 4. und 18.
Lebenstag täglich durchgeführten Schwimmtest mit den behandelten Rattenjungen
lies sich ebenfalls zeigen, dass im Erlernen des normalen Bewegungsablaufs beim
Schwimmen, von ersten unkontrollierten Extremitätenbewegungen
bis hin zum sogen
Therapeutische Maßnahmen, Prognose und Prävention
Die Diagnosestellung der abortiven AE ist aus folgenden Gründen sinnvoll und
notwendig:
1) Durch eine frühzeitige Diagnose erübrigen sich die häufig vorgenommenen,
z.T. invasiven, stationären Untersuchungen zur Diagnostik
der Dystrophie und des Minderwuchses.
2) Einleitung notwendig gewordener Förderungsmaßnahmen wie bei dem Vollbild der
AE unter Inanspruchnahme des §39, BSGH
3) Entlastende Aufklärung der für die Erziehung Verantwortlichen, dass für die
klinischen Symptome und die teilweise gravierenden Handicaps der Kinder primär
exogene, pränatale Ursachen verantwortlich sind. Erzieherische Konzepte können
nur bedingt und auf lange Sicht gesehen Erfolg haben.
4) Beratung adoptionswilliger Eltern über mögliche Folgen leichter Schädigung
durch mütterlichen Alkoholismus. Kinder mit einer
abortiven AE werden nicht selten erst nach langem Zögern von den alkoholkranken
Frauen freigegeben. In der bisherigen Praxis führt dies oft zu längeren
Heimaufenthalten; bei Vermittlungen wurde bisher wenig auf abortive Formen der
AE geachtet und die Kinder vorwiegend nur als milieugeschädigt angesehen.
5) Prognostische Aussagen über die Entwicklung der betroffenen Patienten.
Erste Nachuntersuchungen von Kindern mit einer AE
zeigen einen überraschenden Rückgang psychopathologischer Befunde sowie eine
Besserung mentale Defiziten besonders im sprachlichen Bereich im Sinne einer
deutlichen biologischen Nachreifung. Diese Besserungstendenz ist besonders bei
den leichten Formen der AE nachweisbar, betrifft jedoch alle nachuntersuchten Alkoholembryopathien unabhängig von ihrem Schweregrad.
6) Beratung und intensive Betreuung der erkrankten Mütter. Die meisten
betroffenen Frauen ahnen den Zusammenhang zwischen ihrem oft jahrelang bestehenden
Alkoholabusus und dem schlechten Gedeihen ihres
Kindes. Das Gefühl der Schuld und ihre krankheitsbedingte psychische Labilität
blockiert das Eingeständnis der Alkoholabhängigkeit. Erst wenn es gelingt, das
Gefühl eines Schuldvorwurfes abzubauen, wenn sie begreifen, dass ihren Kindern
geholfen werden k
Bei Fortbestehen der Alkoholkrankheit besteht jedoch die Gefahr, bei erneuter
Schwangerschaft eine noch gravierendere kindliche Schädigung zu verursachen. So
waren in dem untersuchten Kollektiv von 71 Patienten 10% Geschwisterpaare. Nur
in einem Falle was das letztgeborene Kind weniger geschädigt.
Zusammenhängend k
Es wurde der Versuch unternommen, die abortive Form des Syndroms etwas klarer
abzugrenzen.
Dabei erscheint es vor allem notwendig zu sein, bei den Symptomen unklarer
postnataler Wachstumsstörung, Mikrocephalie, Bewegungsunruhe und psychische sowie mentale
Entwicklungsstörungen auch an die mütterliche Anamnese zu denken und auf einen
möglichen chronischen Alkoholabusus zu achten.
Nur so k
Neben der begrenzten therapeutischen Hilfe für die betroffenen Kinder selbst
gilt es vor allem, das öffentliche Bewusstsein zu größerer sozialer Verantwortung
aufzurufen und über Anstrengungen in der Begrenzung des ständig wachsenden Jugendsalkoholismus als dem einzigen Mittel zur Verhütung
von Alkoholembryopathien nachzudenken
.